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Seltener Fund

Das seltene Glück eines Archivars

Ein verschollenes Kirchenbuch taucht nach 60 Jahren wieder auf
Kirchenbuch im Kinderwagen gerettet

                                                                                                                                Bilder hierzu...

Bei einer Archivrevision in der Kirchengemeinde Satrup im Kirchenkreis Angeln entdeckten Kirchenarchivoberamtsrätin Gabriele Baus vom Nordelbische Kirchenarchiv in Kiel und Kirchenkreisarchivpfleger Pastor i.R. Karl Nielsen im Mai ein seit 1945 verschollenes Kirchenbuch der Gemeinde Korkenhagen in Hinterpommern. Die kostbare Handschrift lag seit Jahrzehnten unbeachtet im Archivschrank der Gemeinde.

 Nach dem Abschluss der Revisionsarbeiten fand Karl Nielsen bei einer kurzen letzten Inspektion in einem Stapel von alten Drucksachen einen gebrauchten DIN C5 Umschlag. Zu seiner Überraschung enthielt er eine alte Handschrift von 1644, ca. 20 cm hoch, 10 cm breit, etwa 3 cm dick. Der Einband des Buches ist stark beschädigt. Der Versuch, den Inhalt zu ergründen, führte nicht sofort zum Erfolg, da der genannte Ort nicht bekannt war. „Es könnte Kopenhagen lauten“, so der erste Zuordnungsversuch. Der Schluss lag nahe, dass es sich um das Konzept für das älteste  Satruper Kirchenbuch handele. Die Satruper Register beginnen im Jahr 1642. Im Revisionsbericht an die Kirchengemeinde beschrieb Gabriele Baus den Fund dann auch so.
Zur Sicherstellung wurde die Handschrift in das Kirchenkreisarchiv nach Kappeln überführt.

Der nicht identifizierte Kodex ließ dem Archivpfleger keine Ruhe. Er bemühte sich den Text zu lesen und die Ortsnamen zu identifizieren.
Zunächst galt es die Probleme mit der Handschrift zu überwinden. Obwohl sehr deutlich geschrieben, wies die Handschrift einige nicht sofort zu deutende Eigenheiten auf.
„Das Internet könnte helfen,“ so die Reaktion. Eine Anzahl von Schrifttabellen von Fraktur- und alten Handschriften erleichterten bald die Arbeit.
Schnell war klar, dass die gefundenen Orte wie u.a. Korckenhagen, Rehsel, Daarz, Stotterhagen, Roßnow, Lütkenhagen oder Neuendorf nicht in Angeln liegen. Ortslisten im Atlas brachten auch kein Ergebnis. Der Familienname „von Stettin“ lies den Verdacht aufkommen, dass alle Orte im heutigen Polen liegen könnten. Da in den neueren Atlanten bei den ehemaligen deutschen Ostgebieten nur die polnische Ortsnamen genannt werden, war klar, warum die bisherige Suche erfolglos war. Das Internet half auch hier weiter.
Einen ersten Hinweis gab das Institut für Deutsche Adelsforschung auf eine Anfrage. Korckenhagen, später Korkenhagen geschrieben, war ein Gut in Hinterpommern. Genealogische Homepages klärten weitere Einzelheiten, sogar Kartenmaterial des ehemaligen Deutschen Reiches fand sich. Die Schreibung der Orte hat sich seit 1644 vielfach geändert, alle aber lagen im Kreis Naugard.

Zur Absicherung des Ergebnisses erkundigte sich Karl Nielsen beim Evangelischen Zentralarchiv in Berlin, der Sammelstelle für Kirchenbücher aus den ehemaligen deutschen Ostgebiete, und dem Landeskirchlichen Archiv der Pommerschen Evangelischen Kirche in Greifswald, das sich u.a. der Sammlung und Pflege der Vermächtnisse der ehemaligen pommerschen Ostgebiete widmet. Besonders hilfreich war der Kontakt zum Heimatverein Naugard. Auch diese Verbindung ergab sich durch das Internet. Die Vorsitzende Margrit Schlegel gab wertvolle Hinweise, verhalf sogar zu einem Bild und der Beschreibung der Kirche in Korkenhagen.

Nach einer Woche intensiver Recherchen stand eindeutig fest: Die aufgefundene Handschrift gehört unzweideutig nach Hinterpommern in die ehemalige Kirchengemeinde Korkenhagen.
Ein Auszug aus dem Gemeindelexikon Pommern von 1885 nennt alle im Kirchenbuch genannten Ortsnamen.

Was enthält die Handschrift?
„Hauß Register zu halten an gefangen Anno 1644 in Korckenhagen“ so lautet die Titelseite.
Erstaunlicherweise folgen danach nicht die Angaben über kirchliche Amtshandlungen, sondern ganz profan heißt es auf Seite 2: „Anno 1644  Zum Kehrjahr v. Korckenhagen außgesaat 11 Winspel Wintersaat:“ Dann „1645 an Sommersaat außgesaat: 8 Scheffel Habern, 10 ½ Scheffel Gärste, 1 ½ Scheffel Buchweitzen,  1 ½ Vierf (?) Erbsen.“ Es folgen für die folgenden Jahre Saat und Ernteerträge.
Erst auf Seite 14 beginnen die Amtshandlungen.
Der erste Eintrag aus 1644 ist leider am Rand stark beschädigt, aber sonst gut lesbar:
„In Korckenhagen getauft:
Jürgen Wiesen Töchterlein getauft … genannt: d. 26. …1644.“

Geburten, Hochzeiten und Beerdigungen spiegeln das Leben der Dörfer wider. Adlige Namen werden dokumentiert, bürgerliche und sogar Namenlose werden aufgelistet.
Ein paar Beispiele:
a) „Rittm. Samuel Stettins Töcherlein, das den 11. Septembriis in der nacht ungefähr umb 1 Uhr geboren, getauft und Sophie genannt. Päten waren….
b) Anno 1654. Herrn Augusti Falcken Predigers zu Roßnow Töchterlein getauft und Maria Elisabeth genannt: Päten wahren, die Hochedle Fraw Borekin vom Hause Pausin, wie aus des woledlen Philip Wussowens Haus Zierde….“
c) Eines Soldaten Weib ein Töchterlein getauft u. Marie genant. Die Gevatters konnte nicht kommen.
d) Anno 1663. Jacob Birsen ex Polonia gebürtig mit Anna Kedinger vetrauwet den 30. Novembri.“

Die Eintragungen von Taufen, Trauungen und Sterbefällen reichen bis zum Jahr 1712.
Persönliche Bemerkungen zu den Amtshandlungen, sowie Hinweise auf Sonderheiten sind auf Latein vermerkt.

Der äußere Eindruck legt den Schluss nahe, dass es sich ursprünglich um drei getrennte Hefte handelte, die später in einem Lederband vereinigt wurden.
Der Einband ist stark beschädigt,  die Holzeinlage der Vorderseite gebrochen. Die ersten, meist leeren Blätter sind lose. Die Papierränder sind zum Teil beschädigt.
In dem „Bericht über die Verzeichnung der kleineren nichtstaatlichen Archive des Kreises Naugard, erstattet von Dr. H.Bellée, Staatsarchivrat in Stettin, Stettin, 1931“ wird S.66f. unter Schönhagen, Kirche, Kirchenbücher der Inhalt der Handschrift unter den Nummern 5 – 7 vollständig aufgeführt.

Nachdem die Identität der Handschrift eindeutig geklärt ist, erhebt sich die Frage: „Wie kommt dieses Buch aus Hinterpommern nach Angeln in die Kirchengemeinde Satrup?“

Es gab und gibt in Angeln eine erhebliche Anzahl von Vertriebenen aus dem Kreis Naugard.
Wer sollte aber diese Handschrift auf der Flucht mitgenommen haben?
Die Antwort ergab sich fast zufällig. Das Berliner Evangelische Zentralarchiv stellte für die weitere Einordnung des Fundstückes dankenswerter Weise einen „Fragebogen zum kirchlichen Brauchtum“ zur Verfügung, der 1963 vom letzten Pfarrer der Kirchengemeinde Korkenhagen-Neuendorf  ausgefüllt worden war. Pastor Gerhard Rückheim war nach dem Kriege in der Schleswig-Holsteinischen Kirche tätig. Er ist seit Jahren verstorben, aber in seinem ehemaligen Kirchort wohnt heute ein Mann gleichen Namens, aber nicht mit ihm verwandt. Dieser erinnerte sich an einen Sohn seines ehemaligen Pastors.
Eine telefonische Nachfrage ergab dann die Lösung:
Am 4. März 1945 überrollte die rote Armee den Kreis Naugard. In einem Viehwagen der letzten Eisenbahnzüge, die den Ort verließen, flüchtete Ingeborg Rückheim, die Frau des zum Wehrdienst eingezogenen Pastors mit ihren drei Kindern, 5, 3 und 1 ½ Jahre alt, aus Massow . Einen Teil ihrer Habe transportierte sie im Korbkinderwagen des jüngsten Sohnes. Auch den kostbarsten Schatz der Kirchengemeinde, das alte Kirchenbuch,  wird sie so vor der anrückenden roten Armee nach Angeln in Sicherheit gebracht haben. Nach Ende des Krieges, von 1945 bis 1948, war Pastor Rückheim in Satrup als Flüchtlingspastor tätig. Dort fand sich jetzt das Buch.

Damit ist klar, wie das wertvolle Kirchenbuch aus Hinterpommern nach Angeln gelangte.
Warum die alte Handschrift allerdings fast 60 Jahre unerkannt im Satruper Archiv liegen blieb, das bleibt ein Rätsel.

Inzwischen hat das alte Kirchenbuch seinen Platz im Archiv der Pommerschen Kirche in Greifswald gefunden. Dort wird es nach der notwendigen Restaurierung für die Forschung zur Verfügung stehen.
© Karl Nielsen, Munkbrarup